Hurra, ein neuer Buchstabe!

6. Juli 2017

Hurra, wir haben einen neuen Buchstaben! Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ schenkt uns das Eszett als Großbuchstabe!

Hurra?

Hat der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ das wirklich durchdacht? Gibt es in den verschiedenen Codetabellen der elektronischen Datenverarbeitung wirklich noch Platz für ein neues Zeichen? Und was ist mit den Tastaturen – wo soll das große Eszett denn unterkommen, teilte sich doch sein kleiner Bruder bisher weitgehend konfliktfrei eine Taste mit dem Fragezeichen? Und eins ist sicher: In nicht deutschsprachigen Texten (die vermutlich doch weltweit die überwiegenden Mehrheit darstellen) dürfte das große Eszett genauso verhunzt werden, wie bislang schon seine kleine Variante und die armen Umlaute Ä, Ö und Ü.

Und an die Bibliotheken hat natürlich ohnehin niemand gedacht!

Jahrhundertelang wurde den Bibliothekaren, „Assistenten an Bibliotheken“ und „Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste“ das Alphabet eingebleut:

A, B, C, D, E, F, G,
H, I, J, K, L, M, N, O, P,
Q, R, S, T, U, V, W,
X, Y, Z.

Das reimte sich zumindest teilweise und hatte sogar einen gewissen Sprachrhythmus. Wo soll da das große Eszett unterkommen? Hinter dem „S“ und damit den Rhythmus endgültig zertören? Oder ans Ende? Dann aber muss an ganz vielen Stellen „von A bis Z“ durch „von A bis Eszett“ ersetzt werden. Tja… Und wer soll sich ein derart verschlimmbessertes Alphabet merken?

Auch in den Aufstellungssystematiken muss das große Eszett zukünftig wohl vorkommen: „Das Buch finden sie dort drüben bei Eszett.“ Gewöhnungsbedürftig…

Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ begründet seine Neuschöpfung damit, dass so die korrekte Schreibung von Eigennamen in Pässen und Ausweisen ermöglicht würde. Hat mal eine(r) der Ratsherren und -damen daran gedacht, dass die Großbuchstaben in Pässen und Ausweisen höchstwahrscheinlich aus der EDV-Steinzeit stammen, als jedes Bit Speicherplatz noch kostbar wahr? Statt der Welt einen neuen Buchstaben, hätte der Rat vielleicht besser den zuständigen Ämtern eine zusätzliche Festplatte schenken sollen!

Trotzdem:
Armes neues großes Eszett, herzlich willkommen, wir Bibliotheken haben dich genauso lieb wie deine 26 (oder – mit Umlauten – 29) Brüderchen!