Vergleichstest: Personalausweis – Bibliotheksausweis

Bibliotheksausweis der Stadtbibliothek GöttingenHaben Sie sie mal gezählt, Ihre Plastikkärtchen? Bank-, Kredit-, Gesundheits-, Scheck-, Kunden- und Vorteilskarten, Ausweise und Bonusheftchen – die Invasion unserer Portemonnaies, Brief- oder Handtaschen ist kaum aufzuhalten. In einer Zeit, da jeder Hundefrisör um die Ecke seine eigene Kundenkarte herausgibt („ein Leckerli für Ihren vierbeinigen Freund bei jedem fünften Besuch umsonst!“) ist man gezwungen auszuwählen, um sein individuelles Kartenbehältnis vor dem Platzen zu bewahren.

Personalausweis der Bundesrepublik DeutschlandZeitgleich am 1. November diesen Jahres haben nun die Bundesrepublik Deutschland einen neuen Personalausweis und die Stadtbibliothek Göttingen einen neuen Bibliotheksausweis herausgebracht. Zwei weitere Aspiranten, die um die Aufnahme in Ihre Kartensammlung buhlen. Der folgende Vergleichstest soll zeigen, welche dieser beiden Karten Sie wirklich brauchen – und welche vielleicht nicht.

Runde 1: Äußeres

Beide Karten kommen im praktischen Scheckartenformat. Den Personalausweis ziert primär ein Foto des Ausweisinhabers – allerdings in den allermeisten Fällen ein wenig schmeichelhaftes, war doch der zu Fotografierende bei der Aufnahme zwangsweise krampfhaft bemüht, alle Augen, Ohren, Nasen und Münder wie vorgeschrieben zu platzieren und ganz nebenbei auch noch einen „neutralen Gesichtsausdruck“ zu wahren. Kein leichtes Unterfangen, das meist deutliche Spuren in dem Porträt hinterlassen hat.

Hinzu kommt die grüngelbe Farbe des Ausweises, die mich spontan an die Gesichtsfarbe meiner Frau nach jener denkwürdigen Fähren-Überfahrt von Kreta nach Santorin erinnert, als sie – wieder festen Boden unter den Füßen spürend – die letzte Schachtel Zigaretten im hohen Bogen als Dankopfer an den Meeresgott Poseidon ins Hafenbecken warf. Seitdem hat Sie keine Zigarette mehr angefasst…

Der Bibliotheksausweis hingegen erstrahlt in einem leuchtenden Blau, das einem seltsam vertraut vorkommt. Und in der Tat: es handelt sich um dasselbe Blau, das wir von den Parkplatz-Verkehrsschildern kennen und zeigt hier wie dort an: Hier ist ein Platz zum Verschnaufen, zum Aufatmen; raus aus der Blechbüchse, rein ins Leben! Allein der Anblick der Bibliothekskarte kann Glücksgefühle wecken.

Hinzu kommt die Auswahl der Schriftart: Der Bibliotheksausweis verwendet die klare, gut lesbare „Arial“-Schrift in einem warmen Gelb. Der Personalausweis hingegen zeigt ein seltsames Gekrakel, dass von einem legasthenischen Roboter zu stammen scheint – die erste Runde geht damit klar an den Bibliotheksausweis. Mit 1:0 geht der Bibliotheksausweis in Führung.

Runde 2: Imagefaktor

Machen wir uns nichts vor: In einer Zeit, in der die zwischenmenschliche Kommunikation häufig im Stile von „mein Auto – mein Haus – meine Segelyacht“ abläuft, werden auch Kartenspiele wie „meine goldene Kundenkarte – meine Platin-Kreditkarte – mein Ausweis von der Erotik-Videothek – ähm…“ gespielt. Die bunten Plastikkärtchen dienen oft genug auch (oder nur?) der Selbstdarstellung des Karteninhabers.

Wie sieht es nun mit dem Imagefaktor unserer beiden Testkandidaten aus? Für diese Runde können wir uns einfach am Namen der beiden Probanden orientieren.

„Personalausweis“ – wer denkt bei „Personal“ nicht sofort an unterbezahlte, ausgebeutete und weitgehend rechtlose Domestiken, die den Launen ihrer Herrschaft hilf- und schutzlos ausgeliefert sind? Sind wir also alle nur „Personal“ der Bundesrepublik Deutschland? Liebe Stuttgart-21- und Kastor-Gegner, wenn die Polizei euren Personalausweis sehen will, möchte sie vielleicht gar nicht euren Namen wissen, sondern euch nur dezent auf euren Platz in unserer Gesellschaft hinweisen? Halten wir fest: Wenn der Personalausweis ein Image ausstrahlt, dann ein negatives.

Etwas schwerer haben wir es beim Bibliotheksausweis. Der Name gibt zunächst wenig her: Ein Ausweis für die Bibliothek halt. Aufschlussreicher wird es, wenn wir die umgangsprachlichen Bezeichnungen für diese Karte betrachten: „Leseausweis“ oder „Leserausweis“. Der Inhaber dieses Ausweises stemmt sich also gegen den PISA-Trend, er kann lesen und will lesen, gehört somit zur Informations- und Bildungselite unserer Gesellschaft.

Bevor wir jetzt ein vorschnelles Urteil fällen, sollten wir auch dem umgangssprachlichen Namen des Personalausweises eine Chance geben. Nur: „Perso“ erinnert allenfalls an ein Waschmittel…

Damit ist es klar: Wer bei der Auswahl seiner Plastikkärtchen auch auf Imagegewinn setzt, greift zum Bibliotheksausweis. Damit steht es 2:0 für diesen Testkandidaten.


Runde 3: Modernität / Zukunftssicherheit

In dieser Runde können wir es kurz machen. Beide Ausweise enthalten einen per Funk auslesbaren Chip. Das „Personallausweisportal“ stellt fest: „Mit dem innovativen Ausweisdokument setzt Deutschland neue Maßstäbe im Identitätsmanagement.“ Die Stadtbibliothek Göttingen schwelgt zwar nicht in solchen Superlativen, verwendet aber in ihren neuen Ausweisen ebenfalls die aktuellste Technik im Bibliothekswesen. Bei beiden Ausweisen kann man also wohl mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass sie nicht schon morgen oder übermorgen zu Sprudelflaschen recycelt werden müssen.

In dieser Runde erhält daher jeder der beiden Probanden einen Punkt. Wir notieren 3:1 für den Bibliotheksausweis.

Runde 4: Datenschutz

„Der neue Personalausweis bietet maximale Sicherheit für Ihre Daten“, behauptet das „Personalausweisportal“. Aber als „sicher“ wurden ja früher auch schon mal die Renten bezeichnet… Umständlich wird es, wenn der Ausweis verloren oder gestohlen wird. Das „Personalausweisportal“ braucht eine ganze Seite, um die verschiedenen Anlaufstellen für die Sperrung der Ausweisfunktionen aufzulisten.

Sehr viel einfacher ist es dagegen beim Bibliotheksausweis. Auf seinem Chip ist – neben einer Kennung für die Bibliothek – lediglich die auch aufgedruckte Ausweisnummer gespeichert, wie die Stadtbibliothek auf ihrer Homepage beschreibt. Der Ausweis enthält keinerlei persönliche Daten und ist daher aus der Sicht des Datenschutzes völlig unproblematisch. Im Falle eines Verlustes muss lediglich in der Stadtbibliothek Göttingen angerufen werden, der Ausweis wird gesperrt und ist damit unbrauchbar.

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass der Datenschutz beim Bibliotheksausweis vorbildlich gewährleistet ist. Wo keine Daten gespeichert sind, können sie auch nicht missbraucht werden. Ganz anders sieht es beim Personalausweis aus. „Maximale Sicherheit“ der gespeicherten Daten wird behauptet, aber es bleibt abzuwarten, wie lange es dauert, bis die Sicherheitsvorkehrungen geknackt sind… Da auch die einfache Sperrmöglichkeit für den Bibliotheksausweis spricht, geht auch diese Runde wieder an den blauen Kandidaten, der so mit 4:1 in Front liegt.

Runde 5: Kosten

Der neue Personalausweis kostet 28,80 EUR. Für Personal, Verzeihung: Personen unter 24 Jahren reduziert sich der Preis auf 22,80 EUR. Er ist 10 Jahre gültig. Hinzurechnen müssen Sie aber die Kosten für das Passbild und zweifache Anreise zur Meldestelle, einmal für die Beantragung und einmal für das Abholen des Ausweises. Und da Zeit bekanntlich gleich Geld ist, müssen auch die 20 – 25 Minuten Bearbeitungszeit bei der Beantragung in die Kalkulation einfließen, von denen die Stadt Göttingen ausgeht.

Den Bibliotheksausweis bekommen Sie für 15,- EUR pro Jahr. Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr zahlen allerdings überhaupt nichts, Hartz-IV-Empfänger (nennen wir sie der Einfachheit halber einmal so) können den Ausweis für 7,50 EUR erwerben. Das sieht zunächst in vielen Fällen nach höheren Kosten als beim Personalausweis aus, allerdings brauchen Sie kein Foto und bekommen den Ausweis innerhalb weniger Minuten sofort ausgehändigt, so dass bereits der erste Besuch in der Bibliothek zum Ausleihen genutzt werden kann. Zusätzliche Fahrtkosten für den Erwerb des Ausweises fallen also nicht an. Durch die kürzere Laufzeit können Sie zudem die Kosten Ihren Anforderungen anpassen. Machen Sie z. B. ein Jahr Urlaub auf den Seychellen, müssen Sie in diesem Jahr den Ausweis nicht bezahlen.

Obendrein ist der Tausch des Bibliotheksausweises umsonst, Sie können Ihren alten Ausweis kostenlos gegen einen neuen tauschen. Ist hingegen Ihr alter Personalausweis noch gültig und wollen Sie auf den neuen umsteigen, müssen Sei den vollen Preis bezahlen.

Insgesamt kann man also feststellen, dass der Personalausweis über seine 10-jährige Laufzeit gerechnet in manchen Fällen billiger ist, der Bibliotheksausweis punktet aber mit Flexibilität, kostenlosem Umtausch und vor allem einer starken sozialen Komponente. Ich würde diese Runde daher als unentschieden werten. Und da ich eigentlich der Meinung bin, beide Ausweise müßten kostenlos sein, möchte ich keine Punkte vergeben. Es bleibt demnach beim 4:1 für den Bibliotheksausweis.

Runde 6: Nutzen

Was können Sie nun mit dem Personalausweis machen? Sich ausweisen. Toll, das haben Sie sich sicher immer schon gewünscht? Ist es eigentlich Zufall, dass mit „ausweisen“ auch der hochkantige Rausschmiss aus einem Land bezeichnet wird? Da wären wir wieder beim „Personal“… Aber da sind ja noch die neuen „Online-Funktionen“ des Personaldokuments. Die unterstützen Sie beim Geldausgeben im Internet. Toll, das hat sich die Wirtschaft immer schon gewünscht.

Mit dem Ausweis der Stadtbibliothek Göttingen hingegen können Sie aus über 190.000 Medien auswählen, sie ausleihen, lesen, hören und betrachten. Zudem können Sie das WLAN in der Zentralbibliothek nutzen und pro Tag eine Stunde an den Internet-PCs in allen Zweigstellen surfen. Der Ausweis ist für alle Zweigstellen gültig, auch für die „Onleihe“, in der Sie E-Books, Hörbücher, Videos und mehr zum Download finden. Sie können sich Medien aus anderen Bibliotheken besorgen lassen und erhalten Ermäßigungen bei bestimmten Veranstaltungen der Stadtbibliothek.

Es dürfte klar sein: Auch diese letzte Runde gewinnt der Bibliotheksausweis mit Bravour. Damit ist unser kleiner Vergleichstest beendet und wir konstatieren einen Endstand von 5:1 für den Ausweis der Stadtbibliothek.

Fazit

5:1 – ein eindeutiges und in dieser Höhe nicht erwartetes Ergebnis zugunsten des Bibliotheksausweises. Welchem Kärtchen Sie zukünftig in Ihrer Kartensammlung einen Platz einräumen, müssen Sie natürlich selbst entscheiden. Ich aber weiß jetzt, wer einen Stammplatz in meiner Brieftasche erhält!

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One Response to Vergleichstest: Personalausweis – Bibliotheksausweis

  1. Matti sagt:

    Einfach klasse dein Bericht. Hab teilweise laut gelacht! Der neue Ausweis ist wirklich (bis jetzt) totaler Unsinn…

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